Ratgeber · Trauer und Beerdigung
Traueransprache zur Beerdigung: Wie baue ich sie auf?
Von Johannes Reinhard · veröffentlicht am
Bauen Sie die Traueransprache in vier Schritten: Beginnen Sie mit einer konkreten Szene aus dem Leben, benennen Sie klar, dass dieser Mensch gestorben ist und es wehtut, stellen Sie ein einziges Bibelwort daneben und öffnen Sie die Hoffnung, ohne zu überreden. Acht bis zwölf Minuten genügen. Am Ende führt die Ansprache ins Gebet über.
Warum scheitern so viele Traueransprachen an der Form?
Nach dem Trauergespräch fehlt selten der Stoff. Es fehlt die Form. Zwei Fehler sind verbreitet. Der erste: Die Ansprache hat kein Zentrum und reiht aneinander, ein Stück Lebenslauf, ein frommer Gedanke, eine Anekdote, ein Vers, ein tröstender Schluss. Hinterher bleibt kein Satz hängen. Der zweite: Die Ansprache wird zur Vorlesung über den Bibeltext, mit Hintergrund und Wortbedeutung, aber ohne den Toten.
Eine Traueransprache ist eine Kasualansprache. Christian Grethlein hat Kasualien als Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens beschrieben. Am Grab steht eine Familie an einer Schwelle, über die sie gerade geschoben wird. Die Ansprache soll ihr nicht einen Text erklären, sondern über diese Schwelle helfen, mit einem Wort, das trägt, wenn die eigenen Worte versagen. Daraus folgen drei Aufgaben, die keine fehlen darf: dieses Leben würdigen, benennen, was ist, und ein tragendes Wort danebenstellen, das größer ist als der Tod.
Welche Reihenfolge trägt?
Bewährt hat sich eine Folge in vier Schritten. Sie geht nicht deduktiv vom Text zur Anwendung, wie viele es aus dem Studium kennen, sondern induktiv vom Konkreten zum Tragenden, wie es der amerikanische Homiletiker Fred Craddock für die Predigt vorgeschlagen hat. Eine Trauergemeinde ist nicht im Kopf, sondern im Bauch. Wer mit „Psalm 121 lautet …“ beginnt, redet am Schmerz vorbei, bevor er ihn berührt hat. Die Folge zeichnet zugleich nach, was Trauernde ohnehin erleben. Nach dem Dualen Prozessmodell von Stroebe und Schut pendeln sie zwischen Schmerz und Weiterleben. Die Ansprache führt einmal hinein in den Schmerz und einmal heraus zu dem, was trägt.
Die Gewichte sind ungleich verteilt. Den größten Raum bekommt das Leben, also Schritt 1. Schritt 2 kann aus wenigen Sätzen bestehen, wenn sie klar sind. Das Bibelwort in Schritt 3 braucht nur zwei, drei Sätze Auslegung, weil die Brücke aus dem Leben schon gebaut ist. Schritt 4 ist der kürzeste und der heikelste. Fehlt einer der vier Schritte, kippt das Ganze: ohne Leben eine Rede über einen Fremden, ohne Benennen eine Verharmlosung, ohne Wort und Hoffnung bloß ein freundlicher Nachruf.
- Leben würdigen: mit einer Szene beginnen, nicht mit dem Anlass.
- Benennen, was ist: Dieser Mensch ist tot, und das tut weh.
- Das tragende Wort: ein Bibelwort, an dieses Leben gehängt.
- Hoffnung öffnen: einladen, nicht überreden.
Schritt 1 und 2: Wie würdigen Sie das Leben und benennen den Tod?
Steigen Sie nicht mit „Wir haben uns heute versammelt …“ ein. Dieser Satz passt über jeden Toten. Beginnen Sie mit einer Szene aus dem Trauergespräch. Nicht „Er war ein naturverbundener Mensch“, sondern „Jedes Jahr, sein ganzes Leben lang, ist Konrad auf denselben Berg gestiegen.“ Zwei, drei solcher Spuren genügen für ein Bild. Ist das Material dünn, geben Sie der einen Szene Raum, statt fünf blasse aneinanderzureihen.
Würdigen heißt nicht beschönigen. Wer einen schwierigen Vater zum herzensguten Familienmenschen macht, verliert die Menschen in der ersten Reihe, und mit ihnen das Vertrauen für das tröstende Wort. Brüche müssen nicht ausgebreitet werden, aber sie dürfen nicht verleugnet werden. Ein Beispiel: „Es war nicht immer leicht zwischen Konrad und seinem jüngeren Sohn. Aber im letzten Jahr haben die beiden wieder zueinandergefunden.“ Ob ein solcher Satz fällt, klären Sie vorher mit der Familie.
Dann sagen Sie klar, was ist. Wendungen wie „heimgegangen“ oder „von uns gegangen“ sollen schonen und nehmen den Trauernden doch die Erlaubnis, dass es furchtbar sein darf. Besser: „Am vergangenen Mittwoch ist er gestorben. Und seither ist in eurem Haus ein Platz leer.“ Erst wenn der Schmerz benannt ist, glaubt man Ihnen das nächste Wort. Wer den Schmerz überspringt und gleich tröstet, tröstet ins Leere.
Schritt 3: Welches Bibelwort, und wie viel Auslegung?
Ein Wort, nicht ein Strauß von Versen. Es steht in der Mitte der Ansprache, nicht am Anfang, und es sollte eine Brücke zu diesem Leben haben. Beim Mann, der jedes Jahr auf den Berg stieg, liegt Psalm 121 nahe: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps 121,1–2, Luther 1912). Zwei, drei Sätze dazu reichen: Der Psalm geht eine Drehung weiter als der Berg.
Ist die Familie kirchenfern, wählen Sie ein Wort, das zuerst menschlich trägt: Psalm 23, Psalm 121 oder Offenbarung 21,4. Sie reden von Begleitung und vom Ende der Tränen, nicht von Lehrsätzen. Ein Satz wie „Man muss nicht viel glauben, um sich nach so einer Welt zu sehnen“ öffnet, ohne zu vereinnahmen. Wählen Sie nach der Familie, nicht nach Gewohnheit. Häufig tragen diese Texte, zitiert nach der gemeinfreien Lutherbibel von 1912:
- Psalm 23,4: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir“, für ein langes, behütetes Leben.
- Psalm 90,12: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden“, wenn die Vergänglichkeit selbst Thema ist.
- Johannes 11,25: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe“, wenn die Hoffnung im Mittelpunkt stehen soll.
- Römer 8,38–39: dass weder Tod noch Leben „uns scheiden von der Liebe Gottes“, wenn ein Tod alles zerrissen hat.
- Offenbarung 21,4: „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein“, nach schwerem Leiden.
Schritt 4: Wie öffnen Sie die Hoffnung, ohne zu überreden?
„Wir wissen, dass er jetzt im Himmel ist und auf uns herabschaut“ behauptet etwas, das niemand wissen kann, und überfährt den, der heute gar nichts glauben kann. Stellen Sie die Hoffnung als Zusage hin: „Wir geben ihn nicht ins Nichts. Wir legen ihn in die Hände dessen, der gesagt hat: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wir müssen das nicht begreifen, um uns daran festzuhalten.“
Dazu gehört theologische Zurückhaltung. Die Ansprache spricht kein Urteil über das ewige Schicksal dieses Menschen, weder „er ist jetzt erlöst“ noch das Gegenteil. Sie legt ihn in Gottes Hand und überlässt Gott, was Gottes ist. Das ist keine Schwäche der Ansprache, sondern ihre Wahrhaftigkeit. Bei kirchenfernen Familien darf die Einladung noch offener sein: „Ihr dürft dabei so viel oder so wenig hoffen, wie ihr gerade könnt.“
Wie klingt die Ansprache am Grab?
Sagen Sie den Namen, und sagen Sie ihn öfter. „Die Verstorbene“ ist eine Rolle, „Marlene“ ist ein Mensch. Fragen Sie im Trauergespräch, welcher Name wirklich benutzt wurde: Hieß er für alle Friedrich oder lebenslang Fritz? Ersetzen Sie jede behauptete Eigenschaft durch eine Szene. Statt „Sie hatte viel Humor“ lieber: „Als der Arzt ihr nach der Hüftoperation sagte, sie solle es langsam angehen lassen, antwortete Liesel: ‚Junger Mann, ich bin vierundachtzig, langsam kann ich gut.‘“
Bauen Sie für das Ohr, nicht für das Auge. Am Grab steht man oft im Wind, ohne Mikrofon. Kurze Sätze, das wichtige Wort ans Satzende, Pausen vor dem Namen und nach dem schweren Satz. Lesen Sie die Ansprache vorher einmal laut. Streichen Sie Verstärker wie „unermesslich“ oder „von seltener Güte“. Würde entsteht aus Genauigkeit, nicht aus Pathos: „Wir stehen hier, weil Greta gestorben ist. Und es fällt schwer zu glauben, dass sie nicht gleich um die Ecke kommt.“
Wie lang darf sie sein, und wie endet sie?
Eine Traueransprache ist kürzer als eine Sonntagspredigt. Als Faustregel gelten acht bis zwölf Minuten, grob 1.000 bis 1.500 gesprochene Wörter. Trauernde sind nicht lange aufnahmefähig, der Schmerz frisst Konzentration. Lieber acht Minuten mit Zentrum als zwanzig ohne. Fehlt am Vorabend die Zeit, bauen Sie wenigstens das Gerüst: eine Szene, ein klarer Satz zum Tod, ein Vers mit Brücke, ein offener Hoffnungssatz.
Die Ansprache bricht nicht ab, sie übergibt. Ein bewährtes Scharnier ist der Wechsel vom Hören ins Beten: „Was wir selbst nicht mehr sagen können, das legen wir jetzt in Gottes Hände. Lasst uns beten.“ Den weiteren Ablauf regeln die geltende Bestattungsagende Ihrer Kirche beziehungsweise im katholischen Bereich die Kirchliche Begräbnisfeier. Drängt der Zeitplan, kürzen Sie lieber eine Szene als diesen Übergang. Bei Suizid, dem Tod eines Kindes oder einem plötzlichen Tod trägt die Form weiter, aber Schritt 2 wird zum Kern und die Hoffnung in Schritt 4 leiser und tastender.
Passende Bücher
Weitere Fragen zum Thema Trauer und Beerdigung
Quellen
- Christian Grethlein, Vandenhoeck & Ruprecht: Grundinformation Kasualien. Kommunikation des Evangeliums an Übergängen des Lebens (UTB 2919) (2007)
- Kirchenleitung der VELKD: Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, Bd. III: Die Amtshandlungen, Teil 5: Die Bestattung (1996)
- Im Auftrag der Bischofskonferenzen des deutschen Sprachgebiets, Herder: Die kirchliche Begräbnisfeier in den Bistümern des deutschen Sprachgebietes, 2. authentische Ausgabe (2009)
- Margaret Stroebe & Henk Schut: The Dual Process Model of Coping with Bereavement, Death Studies 23(3), 197–224 (1999)
- zeno.org: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Fassung 1912 (gemeinfrei)