Ratgeber · Gesund bleiben im Pfarramt
Burnout im Pfarramt: Was tun, wenn es zu viel ist?
Von Johannes Reinhard · veröffentlicht am
Rufen Sie zuerst Ihre Hausarztpraxis an und sagen Sie offen, dass es Ihnen seit Wochen schlecht geht. Weihen Sie einen Menschen ein, dem Sie vertrauen. Supervision und geistliche Begleitung vermittelt Ihre Landeskirche oder Ihr Bistum. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, rufen Sie sofort die TelefonSeelsorge (0800 111 0 111) oder den Notruf 112 an.
Woran merken Sie, dass Vorbeugen nicht mehr reicht?
Erschöpft ist, wer sich nach drei freien Tagen wieder einrenkt. Am Ende ist, wer aus dem Urlaub zurückkommt und nach zwei Tagen ist alles wieder da, als wäre er nie weg gewesen. Als Orientierung, nicht als Diagnose, gilt: Bessert sich die Erschöpfung, wenn die Arbeit ruht, spricht das eher für eine arbeitsbezogene Erschöpfung. Bleibt sie trotz Ruhe und legt sich über das ganze Leben, über Schlaf, Essen, Beziehungen und das, was früher Freude gemacht hat, gehört sie ärztlich abgeklärt. Ob es eine Depression ist, kann nur eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin feststellen.
Dass auch Geistliche davon betroffen sind, zeigen Daten aus den USA. Die Clergy Health Initiative der Duke Divinity School befragte 2008 rund 95 % der methodistischen Pfarrerinnen und Pfarrer in North Carolina (1.726 Personen). Im Telefoninterview lag die Depressionsrate bei 8,7 %, bei Befragung per Web oder Papier bei 11,1 %, verglichen mit damals 5,5 % in der US-Bevölkerung. Das sind US-Daten zu Depression, nicht zu Burnout, und keine Aussage über Deutschland, Österreich oder die Schweiz. Sie zeigen aber: Wer im Amt krank wird, ist keine Ausnahme.
Warum ist die Hausarztpraxis der richtige erste Schritt?
Die Hausarztpraxis ist die niedrigste Schwelle. Sie brauchen keinen Therapieplatz und müssen nichts schön formulieren. Es reicht: „Mir geht es seit Wochen schlecht, ich schlafe nicht, ich kann nicht mehr.“ Dort können körperliche Ursachen von Erschöpfung abgeklärt werden, etwa über Blutwerte oder die Schilddrüse. Und dort wird eingeschätzt, ob eine behandlungsbedürftige Erkrankung vorliegen könnte. Dann folgen Krankschreibung oder Überweisung, oft schneller, als Sie es allein schaffen würden.
Für viele im Amt zählt noch etwas anderes: In der Praxis gilt die ärztliche Schweigepflicht, und ein Termin dort fällt niemandem auf. Wenn Ihnen im Sprechzimmer die Worte fehlen könnten, schreiben Sie vorher drei Stichworte auf einen Zettel, zum Beispiel „Schlaf. Erschöpfung seit August. Kein Antrieb.“, und legen ihn auf den Tisch. Ist die Praxis geschlossen, erreichen Sie in Deutschland unter 116 117 den ärztlichen Bereitschaftsdienst. In Österreich und der Schweiz ist die Hausarztpraxis ebenfalls der übliche erste Weg.
Wem sagen Sie es zuerst?
Krisen wachsen in der Isolation, und der Pfarrberuf treibt in sie hinein: Sie sind Vertrauensperson für viele und haben selbst oft niemanden, dem Sie sich anvertrauen. Wählen Sie einen Menschen, nicht die Gemeinde und nicht den Kirchenvorstand. Einen Kollegen außerhalb Ihrer Dienstaufsicht, den Ehepartner, eine Freundin von außerhalb der Kirche. Ein Satz genügt: „Mir geht es gerade richtig schlecht, und ich wollte, dass du das weißt.“ Wer Bescheid weiß, fragt nach, bleibt dran und fährt Sie notfalls zur Praxis.
Wenn niemand infrage kommt, ist die TelefonSeelsorge genau dafür da: anonym, rund um die Uhr, mit einem Menschen, der nichts von Ihrem Amt weiß. Manche Seelsorgende empfinden gerade das als Erleichterung. Sie müssen dort nicht der sein, der die Nummer sonst weitergibt. Sie dürfen der sein, der anruft. Ein anonymes Gespräch ist auch ein Gespräch, und es kann der Anfang sein, danach den Termin in der Praxis zu machen.
Supervision, geistliche Begleitung, Therapie: Was hilft wofür?
Es gibt zwei Arten von Hilfe, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten. Ärztliche und psychotherapeutische Behandlung ist für eine Erkrankung da. Supervision, Coaching und geistliche Begleitung sind für die Last des Amtes da: Supervision schaut auf Rolle, Konflikte und die Struktur Ihrer Arbeit, geistliche Begleitung auf den Glauben, der unter dem Beruf vielleicht verschüttet ist. Beides ist wertvoll, ersetzt aber keine Therapie, wenn eine Erkrankung im Raum steht. Umgekehrt nimmt eine Therapie Ihnen die Last des Amtes nicht ab.
Begleitende Angebote für Pfarrerinnen und Pfarrer gibt es in den evangelischen Landeskirchen und in den katholischen Bistümern, aber regional unterschiedlich organisiert: als Supervisionsstelle, pastoralpsychologische Einrichtung oder geistliche Begleitung. Eine zentrale Nummer gibt es nicht. Ein Anruf bei der zuständigen Stelle mit dem Satz „Ich suche Supervision“ oder „Ich suche geistliche Begleitung“ reicht als Einstieg. Für den evangelischen Bereich hält das Pfarrdienstgesetz der EKD in § 48 ausdrücklich fest: Pfarrerinnen und Pfarrer haben Anspruch auf seelsorgliche Begleitung. Ist Ihnen der Weg über die eigene Kirche zu nah, bahnt die Hausarztpraxis den Weg zur Therapie ganz außerhalb kirchlicher Strukturen.
Wie sprechen Sie mit Dekan, Superintendentin oder Personalstelle?
Vor diesem Gespräch haben viele die meiste Angst, aus Sorge, als nicht belastbar zu gelten. Zwei Dinge nehmen ihm die Schärfe. Erstens müssen Sie im Gespräch nicht Ihre ganze Lage ausbreiten. Sie dürfen sachlich bleiben: „Ich bin krankgeschrieben und brauche eine Auszeit. Lassen Sie uns die Vertretung regeln.“ Beachten Sie, dass nach § 37 des Pfarrdienstgesetzes der EKD bei krankheitsbedingter Verhinderung ein ärztliches, amts- oder vertrauensärztliches Attest verlangt werden kann; im katholischen Bereich gelten die Regeln Ihres Bistums.
Zweitens: Gehen Sie mit einer Vorstellung davon hinein, was Sie brauchen, und sei sie grob. Ein Beispiel: vier Wochen Krankschreibung, eine Vertretung für die anstehenden Beerdigungen, Entlastung bei den Gremien. Eine konkrete Bitte gibt dem Gegenüber etwas zu tun. Wissen Sie selbst nicht, was Sie brauchen, ist auch das ein vollständiger Satz: „Ich weiß im Moment nicht, wie es weitergeht, aber ich kann gerade nicht arbeiten.“ Den Rest klären Sie mit der Ärztin oder dem Arzt, nicht mit der Dienststelle.
Was hilft heute, wenn schon der Tag zu viel ist?
Die Bibel erzählt von einem Erschöpften, ohne ihn zu belehren. Elia setzt sich in der Wüste unter einen Wacholder und sagt: „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele“ (1. Könige 19,4). Die erste Antwort ist keine Predigt, sondern Schlaf, und dann ein Engel, der ihn anrührt: „Stehe auf und iß!“ (1. Könige 19,5). Brot, Wasser, Schlaf. Manchmal ist das Geistlichste, was Sie tun können, essen und sich hinlegen.
Für die nächsten Stunden heißt das: etwas essen, auch ohne Hunger, Wasser trinken, sich hinlegen, ohne schlechtes Gewissen. Den einen Termin absagen, der heute nicht sein muss; die Gemeinde übersteht es, wenn ein Besuch eine Woche wartet. Und den einen Menschen anrufen, dem Sie es sagen wollten, heute noch. Das ersetzt keine Behandlung. Es bringt Sie durch den Tag, bis Hilfe greift.
Was tun bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?
Dann gibt es kein Abwarten. Gedanken, sich das Leben zu nehmen, sind ein Notfall wie ein Herzinfarkt und ein behandelbares Symptom, kein Urteil über Sie. Rufen Sie in Deutschland die TelefonSeelsorge an, rund um die Uhr, anonym und kostenfrei: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In Österreich erreichen Sie die TelefonSeelsorge unter 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143. Bei akuter Gefahr wählen Sie 112, in der Schweiz 144 oder 112, oder gehen in die nächste Notaufnahme. Wenn jemand bei Ihnen sein kann, lassen Sie ihn bleiben.
Gerade Seelsorgende neigen dazu, solche Gedanken als geistliche Anfechtung zu deuten und mit sich allein auszumachen. Kein Gemeindeglied würden Sie damit allein lassen. Derselbe Maßstab gilt für Sie. Und wenn Sie sich um eine Kollegin oder einen Kollegen sorgen: Fragen Sie direkt, etwa „Denkst du manchmal daran, nicht mehr leben zu wollen?“ Nach der Bewertung der Nationalen VersorgungsLeitlinie löst das aktive Ansprechen solche Gedanken nicht aus. Bleiben Sie, bis Hilfe erreicht ist.
Weitere Fragen zum Thema Gesund bleiben im Pfarramt
Quellen
- Duke University, Clergy Health Initiative: Clergy more likely to suffer from depression, anxiety (Pressemitteilung zur Studie im Journal of Primary Prevention) (2013)
- Evangelische Kirche in Deutschland (Fassung im Kirchenrecht-Portal der EKvW): Pfarrdienstgesetz der EKD (PfDG.EKD), §§ 37, 48
- BÄK, KBV, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3.2, Langfassung (2022)
- bibelkommentare.de: Lutherbibel 1912 (gemeinfrei): 1. Könige 19,4–5
- TelefonSeelsorge: TelefonSeelsorge Deutschland
- TelefonSeelsorge Österreich: TelefonSeelsorge Österreich, Notruf 142
- Die Dargebotene Hand: Die Dargebotene Hand, Telefon 143
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): Patientenservice 116 117