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Ratgeber · Gesund bleiben im Pfarramt

Burnout als Pfarrer: Welche Warnzeichen gibt es?

Von Johannes Reinhard · veröffentlicht am

Typische Warnzeichen sind Erschöpfung, die auch an freien Tagen und im Urlaub nicht weicht, eine wachsende innere Distanz zu den Menschen der Gemeinde und das Gefühl, mit der eigenen Arbeit nichts mehr zu bewirken. Entscheidend sind Dauer, Muster und Erholbarkeit. Bleibt die Schwere auch in echter Ruhe, gehört sie in die Hausarztpraxis.

Was meint die WHO, wenn sie von Burnout spricht?

Die Weltgesundheitsorganisation hat Burnout 2019 in die ICD-11 aufgenommen, ausdrücklich nicht als Krankheit, sondern als Phänomen der Arbeitswelt. Sie beschreibt es als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde, und nennt drei Merkmale: Erschöpfung, wachsende innere Distanz oder Zynismus gegenüber der Arbeit und eine verringerte berufliche Wirksamkeit. Der Begriff gilt nach der WHO nur für den beruflichen Zusammenhang. Für Pfarrerinnen und Pfarrer ist das eine Entlastung: Erschöpfung im Amt ist kein Urteil über den eigenen Glauben, sondern eine Reaktion auf eine Arbeitslage.

Ernst zu nehmen ist sie trotzdem. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, die ärztliche Leitlinie in Deutschland, ordnet Burnout nicht als eigene Krankheit ein. Sie hält aber fest, dass längere Überforderung das Risiko für eine Depression erhöhen kann und Burnout-ähnliche Beschwerden ein Hinweis auf eine zugrunde liegende Depression sein können. Von innen lässt sich das nicht sicher unterscheiden. Diese Seite hilft beim Hinschauen. Eine Diagnose stellt sie nicht.

Wie zeigen sich die drei Merkmale im Pfarramt?

Die Erschöpfung ist mehr als die Müdigkeit nach einer vollen Woche. Normale Müdigkeit verschwindet mit Schlaf. Diese bleibt: Sie wachen schon leer auf, der freie Tag geht vorbei, und am Abend sind Sie nicht erholter als am Morgen. Ein verräterischer Satz lautet: „Ich brauche nur mal richtig Urlaub.“ Wenn es nach dem Urlaub genauso ist wie vorher, ist das ein Signal und kein Zufall.

Die innere Distanz fühlt sich oft wie Charakter an, nicht wie ein Symptom. Sie ertappen sich bei Gedanken wie „Nicht die schon wieder“, aus dem Sterbenden wird innerlich ein Fall, aus der Witwe ein Termin. Für Seelsorgende ist das besonders bitter, weil Nähe ihr wichtigstes Werkzeug ist. Diese Distanz ist selten Lieblosigkeit. Meist ist sie eine Notbremse, die die Seele zieht, wenn Nähe zu viel kostet.

Das dritte Merkmal klingt nach Realismus und ist doch Erschöpfung: „Ich predige in den Wind.“ „Die Gemeinde schrumpft sowieso.“ Von außen leisten Betroffene oft noch genauso viel wie früher, manchmal mehr, weil sie die fehlende Kraft mit Mehrarbeit ausgleichen. Innen aber ist das Gefühl weg, etwas zu bewirken. Sie zweifeln dann oft nicht an Gott, sondern an sich und am Wert dessen, was Sie tun.

Warum bemerken Pfarrer die Zeichen oft so spät?

Erschöpfung kommt selten plötzlich. Sie sinkt über Monate ab, so langsam, dass man sich an jeden neuen Stand gewöhnt, bevor man ihn als niedriger erkennt. Dazu kommt eine Besonderheit des Berufs: Man kann sehr lange sehr gut funktionieren. Die Gottesdienste laufen, die Kasualien sitzen. Oft gibt es sogar Lob für den, der „immer da“ und „nie krank“ ist. Das Lob verlängert die Tarnung.

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat 1977 in „Die hilflosen Helfer“ ein Muster beschrieben, das er auch bei Pfarrern und Seelsorgern sah: Wer Bestätigung vor allem daraus zieht, gebraucht zu werden, übersieht die eigene Erschöpfung am längsten. Sie anzuerkennen hieße, weniger zu helfen. Achten Sie auch auf Ihre Sätze: „Wenn erst die Konfirmation vorbei ist, wird es besser.“ Nach der Konfirmation kommt die nächste Hochphase. Wer nur noch in Durchhalteparolen spricht, fährt meist schon auf Reserve.

Der Körper meldet sich oft früher als der Kopf. Die Nationale VersorgungsLeitlinie nennt als häufige erste Warnsignale Schlafstörungen, etwa zu frühes Aufwachen mit sofortigen Gedanken an die Arbeit, und körperliche Beschwerden wie Magen-, Rücken- oder Kopfschmerzen. Auch ein Glas Wein, das zur Gewohnheit wird, um den Abend zu überstehen, gehört in diese Reihe. Jedes Zeichen für sich kann harmlos sein. Mehrere zusammen über Wochen sind es nicht.

Woran unterscheiden Sie Müdigkeit von einem Warnzeichen?

Nicht jeder müde Dienstag ist ein Symptom. Jeder Mensch hat Phasen mit weniger Kraft, und eine anstrengende Sitzung ist eine anstrengende Sitzung. Wer sich nach jeder vollen Woche abtastet, ob das schon Burnout sei, schafft sich ein neues Problem. Sinnvoller ist es, gelegentlich gründlich hinzuschauen statt täglich nervös, so wie eine gute Hausärztin einmal im Jahr gründlich untersucht. Drei Prüfsteine helfen dabei, aufmerksam zu bleiben, ohne ängstlich zu werden:

  • Dauer: Nicht „Wie geht es mir heute?“, sondern „Wie war es in den letzten drei Monaten, und wie vor einem Jahr?“
  • Muster: Ein einzelnes Zeichen ist Rauschen. Erschöpfung, Zynismus, schlechter Schlaf und Sinnverlust zusammen sind ein Muster.
  • Erholbarkeit: Bringt ein wirklich freier Tag oder ein Urlaub noch etwas zurück? Wenn nicht, ist das das ernsteste der drei Signale.

Was weiß die Forschung über Erschöpfung bei Geistlichen?

Für Pfarrerinnen und Pfarrer im deutschsprachigen Raum gibt es keine breit belegte Prozentzahl, darum nennt diese Seite keine. Die Studien, die es gibt, stammen überwiegend aus dem englischsprachigen Raum, und ihre Ergebnisse hängen stark davon ab, wie gemessen wurde. Eine einzelne Zahl sagt Ihnen ohnehin nicht, wie es Ihnen geht. Die Frage ist nicht, ob Sie zu einem bestimmten Prozentsatz gehören, sondern was Ihr Körper, Ihre Stimmung und die Menschen, die Ihnen nahe sind, Ihnen gerade sagen.

Aufschlussreicher ist, was eine Studie von Benjamin Doolittle im Journal of Religion and Health (2010) mit 358 Gemeindepfarrern über Zusammenhänge fand. Pfarrer mit Burnout-Werten waren jünger, beschrieben sich als niedergeschlagen und unzufrieden mit ihrem geistlichen Leben und hatten öfter eine belastende, als traumatisch erlebte Stelle hinter sich. Schützend wirkten Interessen und Tätigkeiten außerhalb des Berufs, Mentoren, Einkehrzeiten, regelmäßige Bewegung und wissenschaftliche Lektüre. Das ist eine Beobachtung an einer bestimmten Gruppe, kein Rezept. Sie passt aber zu dem, was viele aus Erfahrung kennen: Wer nur noch Amt ist, hat wenig, woraus er schöpfen kann.

Wie schauen Sie ehrlich hin, ohne sich selbst zu diagnostizieren?

Stellen Sie sich drei Fragen, eine pro Merkmal, und beantworten Sie sie für die letzten drei Monate: „Wache ich schon leer auf, und erholen mich freie Tage noch?“ „Sind die Menschen, für die ich da bin, für mich noch Personen oder schon Vorgänge?“ „Erlebe ich noch Sinn in dem, was ich tue, oder funktioniere ich nur?“ Wenn die Kraft für mehr fehlt, genügt die eine Frage, die am weitesten trägt: Hat mein letzter freier Tag mir wirklich etwas gebracht?

Weil der eigene Maßstab beim langsamen Absinken mitsinkt, sehen nahe Menschen oft mehr. Fragen Sie jemanden, der Sie kennt und nicht in Ihrer Gemeinde sitzt, ganz konkret: „Bin ich in den letzten Monaten zynischer geworden? Lache ich noch?“ Fällt Ihnen niemand ein, den Sie so fragen könnten, ist auch das ein Befund. Die Einsamkeit der Leitungsrolle gehört selbst zu den stärksten Belastungen im Amt, und dann ist der erste Schritt, einen solchen Menschen zu finden.

Gegen die Selbsttäuschung hilft ein schlichtes Protokoll: vier Wochen lang jeden Abend eine Zahl von eins bis zehn für die Energie und ein Wort für die Stimmung, etwa „leer“ oder „überraschend gut“. Nach vier Wochen zeigt das Blatt ein Muster, das das Gedächtnis gern glättet. Es ersetzt kein Gespräch in einer Praxis, taugt aber gut als Unterlage dafür. Fehlt die Kraft für vier Wochen, reicht eine Woche.

Wann sollten Sie nicht weiter allein beobachten?

Trifft eines der folgenden Zeichen zu, machen Sie in den nächsten Tagen einen Termin in Ihrer Hausarztpraxis. Die Liste stellt keine Diagnose. Sie zeigt nur, wann jemand von außen draufschauen sollte, und zwar bald, nicht erst nach der nächsten Hochphase im Kirchenjahr. Welche Schritte danach helfen, von der Praxis über Supervision bis zum Gespräch mit der Dienststelle, beschreibt die Seite „Burnout im Pfarramt: Was tun, wenn es zu viel ist?“.

  • Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Dann rufen Sie sofort die TelefonSeelsorge an (0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123), in Österreich 142, in der Schweiz 143. Bei akuter Gefahr wählen Sie 112, in der Schweiz 144.
  • Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Leere, die auch dann bleiben, wenn die Arbeit für eine Weile ruht.
  • Eine Schwere, die nicht mehr nur den Beruf betrifft, sondern alles, auch das, was Ihnen früher Freude gemacht hat.
  • Schlafstörungen, Appetitveränderungen oder körperliche Beschwerden über Wochen.
  • Alkohol, Tabletten oder anderes, um den Tag zu überstehen.

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Quellen