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Ratgeber · Predigt

Wie beginnt man eine Predigt?

Von Johannes Reinhard · veröffentlicht am

Beginnen Sie mitten in der Sache: mit einer konkreten Szene, einer echten Frage, einem Moment aus dem Alltag der Hörer oder einer Irritation, die der Text selbst enthält. Verzichten Sie auf Inhaltsangabe, Entschuldigung und Begrüßungsformeln. Formulieren Sie den Einstieg erst, wenn die Kernbotschaft feststeht, und verraten Sie diese im ersten Satz noch nicht.

Warum zählt der erste Satz so viel?

Oft heißt es, Hörer gäben einer Rede nur die ersten dreißig Sekunden oder schalteten nach zehn Minuten ab. Belegt ist das nicht. Karen Wilson und James Korn haben 2007 die Studien hinter der Zehn-Minuten-Regel überprüft und kaum Stützen für sie gefunden. Es gibt keinen Schalter, der nach einer festen Zeit umkippt. Der Mythos hilft also nicht weiter, und er lenkt vom eigentlichen Grund ab, warum der Anfang so viel Gewicht hat.

Der Einstieg wiegt trotzdem schwer, aus einem anderen Grund: Er setzt den Rahmen, durch den alles Weitere gehört wird. Hört die Gemeinde „Der heutige Predigttext handelt von …“, versteht sie: eine Predigt wie die letzten dreihundert. Hört sie „Er hat seinem Sohn seit elf Jahren nicht mehr geschrieben“, beugt sie sich innerlich vor. Der erste Satz ist kein Fenster, durch das man kurz schaut, sondern eine Brille, die man die ganze Predigt über aufbehält.

Dazu kommt etwas Unbequemes. Am Anfang zeigt sich die eigene Unsicherheit am deutlichsten. Wer nicht weiß, wie er anfangen soll, wärmt sich vor Publikum auf. Die Gemeinde wartet höflich, bis der Prediger angekommen ist, und bis dahin ist der wertvollste Moment des Gottesdienstes verbraucht. Der erste Satz hat deshalb nur eine Aufgabe: Er soll die Hörer zu Beteiligten machen, nicht zu Zuschauern.

Welche Einstiege tragen?

Vier Formen funktionieren zuverlässig. Sie brauchen nicht alle vier in jeder Predigt, sondern die eine, die zu diesem Text und dieser Botschaft passt. Mit der Zeit liegen den meisten zwei oder drei davon besonders. Welche Form passt, hängt oft vom Text ab: Erzähltexte legen die Szene nahe, Briefe und Mahnungen eher die Frage oder den Alltagsmoment, sperrige Texte die Irritation.

Allen vier ist gemeinsam, dass sie konkret sind und nichts ankündigen. Papst Franziskus hält in „Evangelii gaudium“ (Nr. 157) fest, dass Bilder eine Botschaft „vertraut, nahe, möglich“ erscheinen lassen, während Beispiele oft „allein auf die Vernunft“ zielen. Für den Anfang gilt das besonders. Die folgenden Beispiele zeigen jeweils einen ersten Satz, wie er auf der Kanzel klingen kann. Sprechen Sie Ihre eigenen Entwürfe laut, erst dann merken Sie, ob ein Satz trägt.

  • Die Szene: ein Mensch, ein Ort, ein sichtbares Detail, im Präsens erzählt. Zu Lukas 15 etwa: „Er steht an der Straße und schaut nach Süden. Jeden Abend. Seit über einem Jahr.“
  • Die echte Frage, die jeder für sich beantwortet: „Denken Sie an einen Menschen, dessen Name Ihnen den Magen umdreht, wenn er im Posteingang auftaucht. Haben Sie jemanden? Den meint Jesus heute.“
  • Der Alltagsmoment aus der Woche der Hörer: „Vielleicht kennen Sie das: Sie haben etwas angefangen, das so klein war, dass Sie sich fast geschämt haben, es zu erwähnen.“
  • Die Irritation, wo der Text selbst eine Zumutung enthält, etwa bei den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20): „Dieses Gleichnis ärgert mich. Es ist ungerecht.“

Worauf kommt es bei Szene, Frage und Irritation an?

Die Szene muss nicht erfunden sein. Oft steckt sie im Text selbst und muss nur vergrößert statt zusammengefasst werden: der Vater, der läuft, der Blinde, der seinen Mantel wegwirft, Petrus, der aus dem Boot steigt. „Ein Vater, der lange auf seinen Sohn wartete“ ist schon wieder Zusammenfassung. „Er steht an der Straße“ ist Szene. Der Aufwand ist gering: Suchen Sie die konkreteste Bewegung im Predigttext und beschreiben Sie genau diese.

Bei der Frage liegt der Unterschied zwischen echt und rhetorisch. „Haben wir nicht alle schon erfahren, wie schwer Vergebung ist?“ verlangt nur ein Nicken. Eine echte Frage beantwortet jeder Hörer anders, und genau in dem Moment, in dem jemand ein Gesicht vor Augen hat, sitzt er nicht mehr im Publikum. Ein schneller Weg: Drehen Sie Ihren Kernsatz in die Frage um, auf die er antwortet.

Der Alltagsmoment muss der Alltag der Hörer sein, nicht der des Pfarramts. Gremiensitzungen und Dienstbesprechungen erreichen kaum jemanden in der Bank. Die Irritation schließlich ist Würze, kein Hauptgericht. Wer jeden Sonntag mit einem Schocksatz beginnt, macht daraus eine Masche. Setzen Sie sie dort ein, wo der Text selbst sperrig ist, und sagen Sie ehrlich, woran Sie beim Vorbereiten hängen geblieben sind. Ihre Irritation ist oft auch die der Gemeinde.

Welche Anfänge verlieren die Hörer?

Fünf Anfänge kosten die Aufmerksamkeit, bevor die Predigt begonnen hat. Fast jeder Prediger hat mindestens einen davon als feste Gewohnheit, ohne es zu merken. Alle fünf reden über das Reden, statt einfach anzufangen. Sie wirken höflich oder korrekt und sind gerade deshalb so verbreitet. Am tückischsten ist die Inhaltsangabe, weil sie besonders sachlich klingt und niemand etwas gegen sie sagt.

Ein einfacher Test deckt sie auf: Könnte Ihr erster Satz genauso vor jeder anderen Predigt stehen? Dann ist er noch kein Einstieg in diese Predigt. Ein echter Einstieg passt nur auf diesen einen Text an diesem einen Sonntag. Zur Übung: Nehmen Sie den ersten Satz Ihrer letzten Predigt und schreiben Sie ihn nach einer der vier Formen neu. Nur diesen einen Satz.

  • Der Räuspersatz: „Bevor ich zum heutigen Text komme, möchte ich …“. Was vorab gesagt werden muss, gehört vor die Predigt.
  • Die Inhaltsangabe: „Der heutige Predigttext steht bei Lukas und handelt von …“. Sie nimmt der Predigt die Entdeckung, und der Text wird ohnehin verlesen.
  • Die Entschuldigung: „Ich konnte mich diese Woche nicht so gut vorbereiten.“ Sie gibt der Gemeinde den Rahmen „mittelmäßig“ vor.
  • Das Wetter, außer es ist wirklich Ihr Bild, etwa der Dauerregen bei einer Predigt über die Sintflut.
  • Die Begrüßungsschleife. Begrüßung gehört an ihren Platz in der Liturgie, nicht in den ersten Predigtsatz.

Wie führt der Einstieg zur Kernbotschaft?

Der häufigste Fehler ist nicht der langweilige Anfang, sondern der gute Anfang, der zum falschen Ziel führt: eine packende Geschichte über Mut, und dann eine Predigt über Geduld. Die Gemeinde merkt nicht, was schiefläuft, spürt aber, dass ein Versprechen nicht eingelöst wird. Deshalb gilt eine feste Reihenfolge: zuerst den Kernsatz der Predigt formulieren, danach den Einstieg. Der Einstieg ist eine Rampe, und eine Rampe braucht ein Ziel.

Legen Sie beide nebeneinander und prüfen Sie drei Dinge. Öffnet der Einstieg genau die Frage, die der Kernsatz beantwortet? Verrät er die Antwort schon? „Er steht an der Straße und schaut nach Süden, denn er ist ein Bild für Gottes wartende Liebe“: Das „denn“ nimmt alles vorweg und gehört gestrichen. Und würde jemand, der nur den Einstieg gehört hat, wissen wollen, wie es weitergeht?

Dahinter steht der Gedanke des induktiven Predigens, den Fred Craddock 1971 in „As One Without Authority“ entwickelt hat: Die Gemeinde geht den Weg der Entdeckung mit und kommt selbst zum Schluss, der Hörer vollendet die Predigt. Der Einstieg öffnet diesen Weg, der Schluss lässt die Botschaft landen. Den Bogen zwischen beiden schließen Sie erst am Ende, etwa indem Sie das Bild vom Anfang wieder aufgreifen.

Was gehört vor den ersten Satz?

Vieles, was Prediger in den ersten Satz packen, hat dort nichts zu suchen. Ankündigungen, Dank an Mitwirkende, ein Hinweis auf das Gemeindefest: All das hat seinen Ort in der Liturgie, meist bei den Abkündigungen oder Vermeldungen. Je nach Ordnung und Konfession wird der Predigttext vor der Predigt als Lesung verlesen oder zu ihrem Beginn. In vielen evangelischen Gottesdiensten beginnt die Predigt mit einem Kanzelgruß, meist einem Gnadenwunsch aus den Paulusbriefen. In der katholischen Messe folgt die Homilie auf das Evangelium.

Diese Elemente sind Rahmen, nicht Einstieg. Der erste eigene Satz nach Kanzelgruß oder Evangelium gehört ganz der Predigt. Hat die Gemeinde den Text gerade gehört, brauchen Sie ihn nicht nachzuerzählen. Sie können direkt bei dem Detail einsetzen, das eben noch im Ohr ist: „Er wirft seinen Mantel weg und springt auf.“ Praktisch hilft es, den ersten Satz am Samstag einmal laut und stehend zu sprechen. Wer die ersten Sätze sicher kann, betritt die Kanzel ruhiger, und ein sicherer Anfang trägt weit in die Predigt hinein.

Wann ist ein schlichter Anfang der richtige?

Ein starker Einstieg trägt nur, was danach kommt. Eine brillante Szene vor einer Predigt ohne klare Mitte lockt die Hörer herein und lässt sie mit leeren Händen stehen. Wenn Sie nur Zeit für eines haben, arbeiten Sie am Kernsatz und nehmen einen schlichten, ehrlichen Anfang. Eine klare Predigt mit nüchternem Einstieg ist besser als eine wirre mit Feuerwerk am Start. Effekt ist außerdem kein Einstieg. Eine Geschichte, die packt, aber mit dem Text nichts zu tun hat, ist Manipulation, kein Handwerk. Fragen Sie bei jeder zündenden Idee: Dient sie dem Text oder mir?

Und es gibt Sonntage, an denen jede Raffinesse fehl am Platz ist. Ist in der Woche ein Unglück geschehen, das die Gemeinde trifft, oder sitzen Trauernde in den Bänken, dann beginnen Sie weder mit Spannung noch mit Provokation. Manchmal ist der schlichteste Satz der einzig richtige: „Wir sind heute schwer hierhergekommen.“ Das Handwerk dient den Menschen, nicht umgekehrt, und manchmal heißt das, alle Technik beiseitezulegen.

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