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Ratgeber · Predigt

Wie lange sollte eine Predigt dauern?

Von Johannes Reinhard · veröffentlicht am

Eine wissenschaftlich begründete Idealdauer gibt es nicht. Für die katholische Homilie empfahl Papst Franziskus 2024 höchstens acht Minuten, im evangelischen Gottesdienst prägen Gottesdienstform und Gemeindepraxis die Länge. Entscheidend ist eine klare Botschaft: Die Predigt ist so lang, wie diese eine Sache braucht. Messen Sie die Länge vorher durch lautes Probesprechen.

Gibt es eine wissenschaftlich richtige Predigtlänge?

Nein. Der Satz, Zuhörer schalteten nach zehn oder fünfzehn Minuten ab, hält sich hartnäckig, ist aber nicht belegt. Karen Wilson und James Korn haben 2007 die Forschung hinter dieser Regel zurückverfolgt, von Mitschriften über Beobachtungen bis zu physiologischen Messungen. Ihr Ergebnis: Die Studien liefern wenig Stütze für einen Abfall nach zehn bis fünfzehn Minuten, und die meisten berücksichtigen nicht, wie verschieden Menschen aufmerksam sind.

Auch die gern zitierte 18-Minuten-Grenze ist keine gemessene Aufmerksamkeitsspanne, sondern eine Konvention von Vortragsbühnen. Was als gesichert gelten kann, ist nüchterner: Aufmerksamkeit schwankt und kann über eine Rede hinweg nachlassen. Eine feste Minutenzahl, an der sie kippt, gibt es nicht. Das ist keine Erlaubnis für vierzig Minuten. Es verschiebt nur die Frage. Hörer steigen nicht nach der Uhr aus, sondern wenn sie den Faden verlieren, wenn nichts Neues mehr kommt oder wenn sie nicht mehr wissen, wozu das alles erzählt wird.

Wie lang sind Predigten tatsächlich?

Eine große Auswertung stammt aus den USA. Das Pew Research Center hat 2019 knapp 50.000 Predigten untersucht, die 6.431 Gemeinden zwischen April und Juni 2019 online gestellt hatten. Die mittlere Predigt dauerte 37 Minuten. Die Unterschiede zwischen den Traditionen waren groß: katholische Homilien im Median 14 Minuten, Predigten aus protestantischen Mainline-Kirchen 25 Minuten, aus evangelikalen Gemeinden 39 Minuten und aus historisch schwarzen protestantischen Gemeinden 54 Minuten.

Diese Zahlen beschreiben, was üblich ist, nicht, was gut ist. Sie stammen aus Gemeinden, die ihre Predigten ins Netz stellen, und lassen sich nicht einfach auf Deutschland, Österreich oder die Schweiz übertragen. Sie zeigen aber eines deutlich: Die Länge folgt weit mehr der Tradition einer Kirche als einer Gesetzmäßigkeit der Aufmerksamkeit. Nach Angaben von Pew bleiben die Unterschiede auch dann weitgehend bestehen, wenn man statt der Dauer die Zahl der Wörter misst.

Was sagen kirchliche Vorgaben?

Für die katholische Homilie gibt es deutliche Worte aus Rom. Papst Franziskus schreibt in „Evangelii gaudium“ (2013, Nr. 138), die Homilie müsse „kurz sein und vermeiden, wie ein Vortrag oder eine Vorlesung zu erscheinen“, weil eine zu lange Predigt die Harmonie und den Rhythmus der Feier störe. In der Generalaudienz vom 7. Februar 2018 bat er, „nicht über zehn Minuten“ hinauszugehen, am 12. Juni 2024 sagte er: „Nicht mehr als acht Minuten.“ Das sind Empfehlungen in Lehrschreiben und Katechesen, keine kirchenrechtlich festgelegte Minutenzahl. Wichtig ist der Grund dahinter: Die Homilie ist Teil der Liturgie und soll sie nicht überlagern. Der Papst fasst die Form so zusammen: „ein Bild, ein Gedanke und eine Empfindung“.

Im evangelischen Gottesdienst steht die Predigt traditionell im Zentrum. Für ihre Länge sind vor allem maßgeblich die Gottesdienstform, die Gewohnheit der Gemeinde und Absprachen vor Ort, etwa wenn danach Taufe, Abendmahl oder ein Kirchenkaffee folgen. Wer neu in einer Gemeinde ist, fragt am besten nach, was dort üblich ist. Ein Gottesdienst mit Abendmahl oder Taufe verträgt oft eine kürzere Predigt als ein reiner Predigtgottesdienst.

Ist Ihre Predigt zu lang oder zu voll?

Die meisten Predigten, die sich lang anfühlen, sind nicht zu lang, sondern zu voll. Sie sagen nicht eine Sache, sondern sieben halbe: einen Gedanken über Gnade, einen über Umkehr, eine Beobachtung zum griechischen Wort, einen aktuellen Bezug. Ein Kommentar an der Kirchentür wie „Das war ja heute mal richtig viel“ klingt nach Lob, heißt aber oft: Behalten habe ich nichts.

Der beste Maßstab für die Länge ist deshalb der Kernsatz der Predigt. Wenn Sie in einem Satz sagen können, was die Hörer mitnehmen sollen, wissen Sie auch, wann es gesagt ist. Alles, was nicht auf diesen Satz zuläuft, ist ein Kandidat für den Rotstift, gleich wie schön es ist. Ein besonders zäher Zeitfresser ist das Dreimal-Gesagte: ein Gedanke, dann „mit anderen Worten“ noch einmal, dann „um es deutlich zu machen“ ein drittes Mal. Beim Schreiben fühlt sich das gründlich an, beim Hören ermüdet es. Sagen Sie das Wichtige einmal, dafür stark.

Wie messen Sie die Länge vorher?

Lesen am Schreibtisch täuscht. Sprechen Sie die Predigt am Samstag einmal laut und stehend durch, mit einer Stoppuhr. Die meisten stellen dabei fest, dass sie länger ist als gedacht. Dabei zeigen sich auch die holprigen Übergänge, an denen Sie am Sonntag ins Stocken kämen. Ein Absatz, den Sie beim Sprechen selbst langatmig finden, ist meist der, den Sie streichen können.

Wer frei oder nach Stichworten predigt, wird fast immer länger als geplant, weil Gedanken im Moment anders und ausführlicher formuliert werden. Legen Sie sich in diesem Fall vorab fest, an welcher Stelle Sie spätestens sein wollen, und markieren Sie im Stichwortzettel einen Abschnitt, der bei Bedarf entfallen kann. Reicht die Zeit für einen ganzen Durchgang nicht, sprechen Sie wenigstens Anfang und Schluss einmal laut. Daran entscheidet sich viel, gerade für die Länge.

Wie kurz dürfen Predigten und Kasualansprachen sein?

Eine Mindestlänge, die eine Predigt erst zur Predigt macht, gibt es nicht. Zehn klare Minuten sind besser als fünfundzwanzig wirre. Eine kurze Predigt ist in einer schwierigen Woche kein Notbehelf, für den Sie sich auf der Kanzel entschuldigen müssten. Eine solche Entschuldigung schadet mehr als die Kürze. Entscheidend ist, dass die eine Sache klar gesagt wird und die Predigt dann endet.

Bei Kasualien gilt das noch stärker. Eine Taufansprache von drei, vier Minuten kann vollständig sein, wenn die Familie spürt, dass es um ihr Kind geht und nicht um die Taufe im Allgemeinen. Eine Traueransprache, die mit einem wahren, konkreten Zug diesen einen Menschen trifft, wiegt mehr als zwanzig Minuten allgemeiner Sätze über Tod und Auferstehung. Das Maß lautet: lieber kurz und wahr als lang und allgemein.

Wie hören Sie rechtzeitig auf?

Viele Predigten werden nicht in der Mitte zu lang, sondern am Ende. Die Botschaft ist gesagt, der Bogen eigentlich geschlossen, und dann folgen eine Zusammenfassung, ein vergessener Nebengedanke, ein Hinweis auf die kommende Woche. Drei Schlüsse hintereinander erschlagen den einen guten, den es schon gab, und kosten die entscheidenden Minuten. Jeder weitere Satz verdünnt, was eben noch klar war, und die Stille, die sich gerade eingestellt hatte, zerfällt.

Planen Sie den letzten Satz deshalb so bewusst wie den ersten und schreiben Sie ihn wörtlich auf. Er muss den Kernsatz nicht wiederholen, sondern die Hörer an die Stelle bringen, an der er für sie wahr wird. Wenn dieser Satz gesagt ist, hören Sie auf. Das „Amen“ ist dann kein Notausgang mehr, sondern Abschluss. Hilfreich ist eine schlichte Frage beim Probesprechen: An welcher Stelle wäre die Predigt schon gut zu Ende gewesen? Liegt sie vor dem geplanten Schluss, streichen Sie alles dahinter.

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