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Ratgeber · Predigt

Wie bereite ich eine Predigt vor?

Von Johannes Reinhard · veröffentlicht am

Trennen Sie drei Arbeitsschritte, die sonst durcheinanderlaufen: zuerst den Text verstehen, dann die eine Botschaft in einem Satz festlegen, erst danach den Aufbau skizzieren. Mit je etwa dreißig Minuten passt das in einen festen Block von neunzig Minuten. Ausformuliert wird später. Fehlt die Zeit, bleiben der Kernsatz und der Bezug zum Leben der Hörer unverzichtbar.

Fehlt wirklich die Zeit oder die Reihenfolge?

Wer am Samstagabend noch ohne Predigt dasitzt, glaubt meist, ihm fehle die Zeit. Oft fehlt etwas anderes: eine Reihenfolge. Eine Predigt entsteht aus drei Tätigkeiten, die wenig miteinander gemein haben. Man liest den Text, dabei fällt einem ein schöner Anfang ein, beim Notieren merkt man, dass die Botschaft noch unklar ist, also liest man wieder. Nach zwei Stunden liegen zwölf Zettel auf dem Tisch und nichts davon ist fertig. Die Lösung ist schlicht: Trennen Sie die drei Tätigkeiten und geben Sie jeder ihre eigene halbe Stunde. Erst den Text hören, dann die eine Botschaft entscheiden, dann bauen. Die Reihenfolge ist dabei nicht beliebig. Sie können nicht bauen, was Sie noch nicht entschieden haben, und nicht entscheiden, was Sie noch nicht verstanden haben.

Neu ist der Gedanke nicht. Der amerikanische Homiletiker Haddon Robinson beschreibt in „Biblical Preaching“ (1980) die Predigt als Entfaltung einer einzigen beherrschenden Idee, die zuerst aus dem Text gewonnen werden muss. Die neunzig Minuten sind ein Erfahrungswert, kein Forschungsergebnis. Manche Texte knacken Sie in zwanzig Minuten, bei anderen ringen Sie länger. Die Zeiten dehnen sich, die Reihenfolge bleibt. Der eigentliche Gewinn liegt deshalb weniger in gesparten Minuten als darin, dass am Ende eine Predigt mit einer erkennbaren Mitte steht.

Schritt 1: Was sagt der Text? (Minute 0 bis 30)

In der ersten halben Stunde sind Sie nur Hörer. Lesen Sie den Text langsam, mehrfach und am besten laut. Notieren Sie, was Sie stört, was Sie überrascht und was Sie nicht verstehen. Klären Sie ein unklares Wort, eine Anspielung, den Zusammenhang. Die Leitfrage lautet nicht „Was kann ich damit machen?“, sondern „Was steht da eigentlich?“. Gerade vertraute Texte sind gefährlich, weil man meint, sie schon zu kennen.

Die typische Falle ist die Gründlichkeit. Ein Wort führt zum Kommentar, der Kommentar zur Parallelstelle, und nach einer halben Stunde sind sieben Fenster offen, ohne dass die Predigt näher gerückt ist. Exegese hat kein natürliches Ende. Der Schritt ist geschafft, wenn Sie sagen können: „Der Text sagt im Kern das.“ Was Sie in dreißig Minuten nicht geklärt haben, war wahrscheinlich nicht entscheidend. Entscheiden Sie in diesem Schritt noch nichts über Ihre Predigt. Sammeln Sie drei, vier Beobachtungen und lassen Sie sie liegen. Wer zu früh festlegt, worüber er predigt, hört auf, dem Text zuzuhören, und predigt am Ende die eigenen Lieblingsgedanken mit ein paar Versen als Verzierung.

Schritt 2: Welche eine Botschaft trägt? (Minute 30 bis 60)

Jetzt wechselt die Haltung vom Hören zum Entscheiden. Fragen Sie zuerst, wen Sie am Sonntag vor sich haben: einen konkreten Menschen, nicht „die Gemeinde“. Wo trifft die Not, auf die der Text antwortet, dessen Leben? Dann pressen Sie alles in einen einzigen Satz, den Fokussatz. Er sagt, was die Hörer mitnehmen sollen, hat Subjekt und Aussage und lässt sich in einem Atemzug sagen.

Ein Beispiel zu Lukas 15: „Gott wartet nicht, bis Sie es verdient haben. Er läuft Ihnen entgegen, solange Sie noch unterwegs sind.“ Das ist eine Aussage, kein Thema. „Die Gnade“ wäre ein Thema und taugt nicht als Fokussatz. Ein guter Prüfstein: Steht in der Mitte ein „und“, sind es meistens zwei Predigten. Gelingt der Satz nicht, ist das eine Diagnose, keine Niederlage: Entweder ist der Text noch nicht verstanden oder es soll zu viel auf einmal gesagt werden.

Dieser Schritt ist der schmerzhafteste, weil Sie gute Gedanken opfern müssen, nicht falsche. Legen Sie sie beiseite, sie kommen in einem anderen Jahr dran. Schwanken Sie nach zehn Minuten noch, wählen Sie die Beobachtung, die Sie in Schritt 1 am meisten überrascht hat. Was Sie überrascht hat, überrascht oft auch die Gemeinde. Diesen Schritt kürzen Sie nie, auch nicht unter Zeitdruck.

Schritt 3: Wie wird daraus ein Gerüst? (Minute 60 bis 90)

Erst jetzt bauen Sie. Weil der Fokussatz steht, bauen Sie auf ein Ziel hin, und jeder Gedanke muss sich an einer Frage messen lassen: Bringt er die Hörer näher an die eine Sache oder lenkt er ab? Was ablenkt, fällt weg, auch wenn es schön ist. Sie können deduktiv bauen, also die Botschaft vorn nennen und entfalten, oder induktiv, also die Gemeinde den Weg der Entdeckung mitgehen lassen.

Die Falle dieses Schritts betrifft gerade sprachlich Begabte: zu früh ausformulieren. Nach zwanzig Minuten steht ein glänzender erster Absatz, und es fehlt jede Ahnung, wie es weitergeht. Schreiben Sie stattdessen das Skelett in Stichworten und Pfeilen: Einstieg, Wendepunkt, Entfaltung, Schluss. Ausformuliert wird am Freitag oder Samstag. Steht das Gerüst, ist das Ausformulieren keine Qual mehr, sondern Handwerk. Reicht die Zeit nicht für einen kunstvollen Bau, genügt der einfachste: ein Einstieg, der den Fokussatz greifbar macht, eine Entfaltung in zwei, drei Schritten und ein Schluss, der ihn noch einmal mit Gewicht sagt. Das ist keine Kunst, aber es trägt.

Wie verteilen Sie die Arbeit über die Woche?

Die neunzig Minuten müssen nicht am Stück liegen. Bewährt hat sich ein Rhythmus in vier Phasen. Am Montag nehmen Sie sich zwanzig Minuten, lesen den Text und schreiben einen einzigen Satz auf, der Sie an ihm beschäftigt, etwa: „Mich irritiert, dass der Vater losläuft, bevor der Sohn seine Rede halten kann.“ Danach arbeitet der Kopf im Hintergrund weiter, beim Krankenbesuch, im Auto, beim Einkaufen. Diesen Satz müssen Sie weder bewerten noch ausbauen. Er ist ein Haken, an dem sich die Woche über Einfälle sammeln.

Zwischen Dienstag und Donnerstag folgt der feste Block, entweder neunzig Minuten am Stück oder dreimal dreißig Minuten an verschiedenen Tagen. Was davon passt, ist eine Frage des Temperaments. Morgenmenschen arbeiten oft gern am Stück, wer abends besser denkt, verteilt. Am Stück bleibt man im Fluss, hat aber keinen Puffer, wenn der Tag platzt. Verteilt bekommt jeder Schritt eine Nacht Reifezeit, dafür muss man mehrmals neu ansetzen. Freitag oder Samstag bleiben für den Feinschliff. Entscheidend ist nur, dass der Block geschützt ist und die Reihenfolge stimmt.

Einen solchen Block in einer vollen Pfarrwoche durchzusetzen, ist keine Privatsache. Papst Franziskus bittet in „Evangelii gaudium“ (2013, Nr. 145) darum, der Vorbereitung jede Woche „eine ausreichend lange Zeit“ zu widmen, „selbst wenn dann für andere, ebenfalls wichtige Aufgaben weniger Zeit übrig bleibt“. Tragen Sie den Block mit Namen in den Kalender und behandeln Sie ihn wie einen Termin, den man nicht verschiebt.

Was tun, wenn nur dreißig Minuten bleiben?

Es gibt Wochen, die explodieren: eine vorgezogene Beerdigung, Krankheit, eine Sitzung bis spät in die Nacht. Dann hilft eine Notration. Entscheidend ist der innere Schalter: Sie bauen nicht dieselbe Predigt unter Hetze, sondern planen von vornherein eine kleinere, schlichtere, die in dreißig Minuten ganz wird. Unverzichtbar sind genau zwei Dinge, der Fokussatz und der Bezug zum Leben der Hörer. Alles andere ist an solchen Tagen Komfort.

Treffen Sie diese Entscheidung bewusst und früh, am Mittwoch oder spätestens am Donnerstag, statt am Samstagabend festzustellen, dass Sie längst im Notfall stecken. Tragen Sie die dreißig Minuten fest ein, etwa als „Predigt, Notfassung“. Am Sonntag reichen dann vier Stichpunkte und ein klarer Fokussatz, um frei zu predigen. Was wegfällt, fällt guten Gewissens weg: Kommentare, ausgefeilte Dramaturgie, sprachlicher Schliff, das gute Zitat.

  • 5 Minuten: den Text einmal langsam und halblaut lesen und fragen, was an ihm am meisten beschäftigt. Keine Kommentare, kein Urtext.
  • 10 Minuten: den Fokussatz formulieren, eine Aussage mit Subjekt und Verb.
  • 10 Minuten: an einen bestimmten Menschen aus der Gemeinde denken und ein, zwei Lebenslagen notieren, in denen der Satz für ihn wahr wird.
  • 5 Minuten: drei, vier Stichpunkte für Anfang, Weg zum Fokussatz und Schluss.

Darf ich eine alte Predigt wiederverwenden?

Eine alte Predigt eins zu eins noch einmal zu halten, ist fast immer ein Fehler. Sie war auf eine andere Gemeinde und eine andere Lage zugeschnitten, und Sie selbst haben seitdem anders denken gelernt. Die Hörer spüren, ob jemand mit ihnen redet oder eine Aufnahme abspielt. Als Steinbruch dagegen ist die alte Datei wertvoll: ein Bild, das noch trägt, eine Beobachtung am Text, ein Einstieg, der funktioniert hat. Fokussatz und Lebensbezug schreiben Sie neu.

Für eine Kasualie unter Zeitdruck gilt dieselbe Logik in kleinerem Format: ein wahrer, konkreter Zug an diesem Leben, ein Bibelwort, das dazu passt, und eine Verbindung, die den Menschen etwas zuspricht. Das Material dafür liegt im Gespräch mit Angehörigen oder dem Paar. Notieren Sie noch im Auto die zwei, drei Sätze, die Sie berührt haben. Eine Beerdigung nach einem besonders schweren Tod, etwa eines Kindes, oder in einer zerstrittenen Familie ist allerdings nie ein Fall für die Schnellvariante. Dann nehmen Sie sich die Zeit und sprechen im Zweifel mit einer erfahrenen Kollegin oder einem Kollegen.

Und wenn jede Woche zum Notfall wird, ist das kein Predigtproblem, sondern ein Strukturproblem. Das löst kein Zeitplan, sondern ein Gespräch über Aufgaben und Entlastung, mit der zuständigen Leitung, je nach Kirche Dekanat, Superintendentur oder leitender Pfarrer. Wer dauerhaft unter dem eigenen Können predigt, zehrt an der Gemeinde und an sich selbst. Eine Notration hilft durch eine einzelne schwierige Woche, nicht gegen einen dauerhaften Mangel.

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Quellen